Hui, da gab es doch einige interessante Reaktionen auf einen Post, den ich vorgestern von FEMEN Germany weitergeleitet auf meine Facebook-Seite gestellt habe. Diesen Post könnt ihr auch unter diesem Link sehen.
Interessant, dass die nackten Brüste auf dem Foto als irritierend, unpassend und störend aufgefasst werden, aber auf den Text bzw. die Forderungen der Aktivistinnen, das feministische Manifest zur Papstwahl betreffend, kaum eingegangen wird.
Ein Ausdrucksmittel der FEMEN-Aktivistinnen ist es, sich mit nacktem Oberkörper zu zeigen.
Warum tun sie das? Ich zitiere dazu einen Artikel aus der Tageszeitung „Die Presse“, der die Hintergründe gut umreißt:
„Breitbeinig und selbstbewusst stehen sie da, auf ihre Brüste haben sie mit Acrylfarbe Parolen gepinselt: gegen das Patriarchat, gegen Religion, gegen Ausbeutung.
Die Femen-Frauen kennen die Regeln der Mediengesellschaft. Sie wissen, dass man mit Nacktheit Kameras anlockt, und dieses Spiel wollen sie beherrschen. Mein blanker Busen, sagen sie, gehört nicht euch, sondern mir ganz allein. Ich benütze ihn bloß, um damit meine Botschaft zu transportieren. Je mehr Menschen ihn sehen, desto besser.“
Hier ist die Quelle zu diesem Text.
Ist das oben-ohne der 70-er-Jahre überholt?
Warum sind die weiblichen Brüste im 21. Jahrhundert noch so ein Aufreger? Ich erinnere mich an meine Jugend in den 70-er-Jahren, als „oben-ohne“ in Freibädern und auf Stränden erlaubt und gleich einmal „in“ war. Wir haben es genossen!
Doch was für ein Skandal, als 1990 die Grün-Politikerin Christine Heindl im Plenarsaal des österreichischen Parlaments öffentlich ihr Baby gestillt hat.
Erstaunlich, dass deswegen vor allem die Frauen entsetzt waren. Ich hatte lange Diskussionen mit meiner Mutter und meiner Großmutter zum Thema: „Das gehört sich nicht“. Ihre Meinung: Ein Kind in der Öffentlichkeit stillen – igitt!
„Ja soll man es hungern lassen“, hab ich sie gefragt. Man muss sich das einteilen, meinten sie. Und was ist, wenn ich eine längere Bahnreise mit dem Baby habe, war meine Gegenfrage. Meine Großmutter meinte, dass man mit einem Säugling keine längeren Bahnreisen antreten dürfte. Wo soll sie denn schon hinfahren, die junge Mutter, sie soll gefälligst zuhause bleiben!
Was natürlich die Bewegungsfreiheit und die Unabhängigkeit von jungen Müttern extrem beschneiden würde. Und wenn die Bahnfahrt unbedingt notwendig wäre, meinte meine Mutter, dann müsste man vorher die Milch abpumpen und dem Kind ein Flascherl geben. Und im Flascherl ist die Milch, wenn du im Hochsommer von Wien wegfährst, schon in St. Pölten sauer, meinte ich. Die Natur hat da doch eine wunderbare „Frischhaltevorrichtung“ dafür vorgesehen – die Mutterbrust.
Das war eine Diskussion, die in das letzte Jahrhundert gehört. Sollten wir das Thema rund um die weibliche Brust nicht schon längst überwunden haben?
Jetzt, wo das 21. Jahrhundert auch schon wieder ein Viertel Jahrhundert alt ist.
Welche Funktion haben weibliche Brüste?
Offenbar ist das nicht so und ein nackter Busen ist immer noch ein Aufreger.
Natürlich, denn in unserer patriarchalen Welt ist die weibliche Brust vor allem sexuell konnotiert. Sie wird nicht mehr als das gesehen, was sie ist: Die natürliche Nahrungsquelle für den Nachwuchs! Auf dem Femen-Bild steht in großen Lettern: HABEMUS MAMMAN. Und das stimmt, denn Mamma ist die lateinische Bezeichnung für die weibliche Brust. Und ja: Wir Frauen haben Brüste!
Wenn wir schon bei der Papstwahl und damit beim Klerikalen sind: Spätmittelalterliche Madonnenbilder zeigen oft die Maria lactans, die stillende Mutter, die vor allem eines repräsentiert:
Die mütterliche Fürsorge, das nährende Element.
Eine Freundin hat so eine Maria lactans vor vielen Jahren einmal gut genutzt. Sie war mit ihrer kleinen Tochter in Rom und diese hat Hunger bekommen. Sie suchte daher einen ruhigen, kühlen und stillen Ort, um ihr Kind zu stillen und was wäre da passender, als eine Kirche? Sie überlegte noch, ob das der richtige Ort wäre, um ihre Brust auszupacken und da sah sie ein Bild der stillenden Maria.
Was die Muttergottes darf, das darf ich schon lange, dachte sie. Gedacht, getan, sie stillte vor dem Marienbildnis die Kleine in aller Ruhe und der vorbeigehende Priester schaute sie freundlich und gütig an. Ja, das ist das natürlichste der Welt. Und vielleicht sah dieser fromme Gottesmann das auch und hatte auch gar keine sexuellen Ideen zu einer weiblichen Brust.
Die Brüste der Göttinnen
Leider sind auch wir Frauen in unserer patriarchalen Welt so geprägt, dass wir Brüste gleich einmal aus der Sicht der Männer sehen – als Lustobjekte, die vor allem zur männlichen Aufgeilung und Befriedigung da sind.
Vieles wird aus dieser männlichen Weltsicht wahrgenommen und auch gar nicht hinterfragt.
So zum Beispiel auch nackte oder barbusige Figuren, die man von Frauen gefunden hat, als Beispiele sind hier die Willendorferin und die kretische Schlangengöttin genannt.
Die im Jahre 1908 in der Wachau gefundene Frauenfigur der sogenannten Willendorferin ist ganz nackt, mit großen ausladenden Brüsten. Sie ist ja auch gleich einmal als Sexobjekt interpretiert worden, sozusagen als steinzeitliches Pinup-Girl.
Erst vor kurzem wurde diese Meinung von ArchäologInnen revidiert und in den Zusammenhang einer weisen alten Großmutter gestellt. Mehr dazu HIER.
Die Frauenfigurinen, die um 1900 bei Ausgrabungen in Knossos/Kreta gefunden wurden, waren bekleidet und zeigten über ihrem Korsett nackte Brüste. Dem prüden Sittenbild des beginnenden 20. Jahrhundert waren diese alten Bildnisse der minoischen Kultur vor allem peinlich.
Eine sehr gute Doku gibt es dazu HIER.
Warum zeigte die Göttin bzw. deren Priesterinnen ihre Brüste? War das einfach Mode oder hatte dies eine tiefere Bedeutung?
Wir können davon ausgehen, dass es sich um hochgestellte Frauen, Königinnen oder Hohepriesterinnen gehandelt hat, die ihre mütterliches Energie auf das gesamte Volk demonstriert haben.
Auch die sumerisch-babylonische Ischtar wird meist als mütterliche Göttin dargestellt, die ihre schweren Brüste in den Händen hält, stützt bzw. diese darbietet. Das wirkt vielleicht auf den ersten Blick erotisch — als Geste sexueller Aufforderung. Das ist auch nicht falsch, denn in matriarchalen Kulturen galt Sexualität als heilig, weil dadurch Leben entsteht.
Aber es ist vor allem als Symbol einer nährenden Göttin zu verstehen — eine Geste, die auf die eigentliche Funktion der Brüste hinweist, nämlich, um Milch zu spenden. Denn das, was sie aus sich hervorbringt, das nährt und schützt die Kinder. Und im übertragenen Sinne sind alle Menschen die Kinder der Göttin.
Alles ist im Fluss, die Menschen können sich immer sicher sein, dass die Göttin sie nähren würde — mit Muttermilch, Wissen, Lebensfunken …
Die Renaissance knüpfte übrigens an antike Ideale an und es kam daher zur gehäuften Darstellung nackter und halbnackter Frauen in der Malerei und Bildhauerei.
So ist z.B. in Eugène Delacroixs Werk „Die Freiheit führt das Volk“ die Barbusigkeit Ausdruck von Freiheit und des Abwerfens von Zwang und Unterdrückung.
Das Bild zeigt die Barrikadenkämpfe der Julirevolution in Paris des Jahres 1830. Das Volk hatte keinen Anführer im eigentlichen Sinn, sein Aufstand kommt spontan und aus der Masse heraus.
Delacroix gibt ihnen eine Anführerin, die unter dem Namen Marianne die Nationalfigur der Französischen Republik bildet. Warum zeigt sie der Maler mit nacktem Oberkörper?
Auch hier können wir nur spekulieren. Sie wirkt einerseits wie eine Göttin, deren Brüste wieder das nährende Element für das Volk darstellen könnten. Andererseits sprengt die Revolution alle Schranken, auch die moralischen, und Mariannes nackte Brüste sind damit auch ein Inbegriff für die neue Freiheit.
Nicht für Mann – für Kind!
Zu guter Letzt noch eine ganz persönliche Geschichte: Als ich etwa 9 Jahre alt war, bekamen wir eine neue Nachbarin: Ihr Name war Stella und sie ist nach wie vor der Stern meiner Kindheit. Sie war Geschäftsfrau, alleinerziehend mit drei Kindern (damals eine absolute Ausnahme), selbstbewusst und Italienerin. Und zwar eine besonders hübsche, so eine Mischung aus Gina Lollobrigida und Sophia Loren!
Stella kleidete sich anders als die meisten Frauen, bunt mit großen Blumenmustern, weit schwingenden Röcken und großem, freizügigem Dekolleté. Sie trug nicht wie alle Frauen dieser Zeit eine auftoupierte Dauerwellen-Kurzhaar-Frisur, sondern ihr langes lockiges schwarzes Haar offen. Und sie hatte unglaubliches Temperament.
Sie brachte den Flair der großen weiten Welt in unsere biederen 60-er-Jahre-Wohnungen. Plötzlich gab es ringsum nicht mehr brave Kaffee-Jausen, man lud zu Cocktail-Partys und der buchstäbliche Star des Abends war Stella.
So eine Cocktail-Party gab es auch bei uns daheim. Während wir Kinder schon längst ins Bett geschickt waren, meine Mutter und die anderen Frauen sich pflichtbewusst mit der Zubereitung von Sandwiches in der Küche beschäftigen, saß Stella ganz selbstverständlich als einzige Frau mit allen anwesenden Herren im Wohnzimmer.
Diese begannen – wohl schon etwas angeheitert von den Cocktails – sich anzüglich und amüsiert über das üppige Dekolleté von Stella zu äußern.
Wie reagierte Stella darauf?
Sie griff sich in den Ausschnitt, holte eine Brust hübsch verpackt in einem
Spitzen-BH heraus und präsentierte diese mit den Worten:
„Nicht für Mann – für Kind!“
Die Herren kippten vor Schreck fast von ihren Stühlen und das Ganze ging in die Geschichte ein. Es wurde so oft weitererzählt, dass auch ich sehr bald von dieser Begebenheit erfuhr und das alles unglaublich aufregend fand.
Stella hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Auch wenn die Männer glauben, die weiblichen Brüste wurden eigens für sie geschaffen, so ist es anders, sie sind vor allem
„für Kind“!
Viva la mamma!
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Dem Thema Brüste habe ich im Online-Workshop Erlöste Schönheit
ein eigenes Kapitel gewidmet:
Brüste: Die besten Freundinnen einer Frau
Es kann HIER auch einzeln bestellt werden.
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Mehr Infos zu den erwähnten Göttinnen:
Ischtar
Schlangengöttin
Willendorferin
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Bildquellen:
Ischtar / artedea.net
Nackte Brüste sind unsere Waffen (Bare breasts are our weapons) / flickr.com / commons.wikimedia.org/
Maria lactans / Marco Zoppo / de.m.wikipedia.org
Willendorferin / artedea.net
Schlangengöttin / artedea.net
Die Freiheit führt das Volk (Eugène Delacroix) / commons.wikimedia.org