8. März – wieder einmal Weltfrauentag.
Oder – wie es mittlerweile passender heißt – „Internationaler feministischer Kampftag“.
Seit Jahren schreib ich an diesem Tag, dass mir dazu eigentlich nichts mehr einfällt. Alles ist ja bereits tausendfach gesagt und gefordert.
Was soll ich da noch schreiben?
Und jetzt – 2026 – leben wir in einer Welt, die wahnwitziger nicht sein kann.
Die Welt „brennt“. Wir können die Gründe dafür auf verschiedenen Ebenen suchen und finden – politisch, wirtschaftlich, technologisch, ökologisch. Und all das, was wir gerade erleben, was uns die Nachrichtensender ständig in unsere Wohnzimmer spülen, sind die schrillsten Auswüchse des schon seit Jahrtausenden anhaltendes Patriarchats – die Herrschaft des Männlichen über das Weibliche.
Was zählt sind die Kräfte der Durchsetzung, der Eroberung, des Wettbewerbs, der Kontrolle. Das Streben nach Macht, Expansion, Dominanz. Es geht darum, Grenzen zu setzen, Territorien zu markieren, sich gegen andere durchzusetzen. Um den Drang, die Natur zu beherrschen, statt mit ihr zu leben. Es geht darum, alles messen, kontrollieren und optimieren zu müssen, um die Verherrlichung von Effizienz über Empathie, von Geschwindigkeit über Tiefe, von Wachstum über Nachhaltigkeit.
Weibliche Kräfte zählen in der patriarchalen Welt nicht
Ja klar: Wir brauchen Klarheit, Struktur, die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, um Dinge in die Welt zu bringen. Aber wir brauchen auch Verbindung, Verantwortung, Weitsicht, die Kräfte des Zuhörens, des Spürens, des Verstehens, des Nährens, Intuition.
Raum zu halten, statt Raum einzunehmen, Teilen statt Horten, Geben statt Nehmen ist in unserer patriarchalen Welt mehr als unterrepräsentiert.
Um es klar zu stellen: Wenn ich von Patriarchat schreibe, dann meine ich nicht „alle Männer“. Es geht im Grunde um die wenigen alte Männer, die unseren Planeten immer weiter an den Rand des Abgrunds treiben. Männer, die sich aus Angst vor echter Erneuerung an völlig überholte Konzepte von Männlichkeit, Macht und Stärke klammern.
Die tiefe Verbundenheit mit der Erde und allen Lebens, mit den Zyklen des Lebens, mit dem Geheimnis des Werdens und Vergehens – das sind zutiefst weibliche Kräfte, die in einer patriarchalen Welt nicht zählen.
Es ist offensichtlich, welche Kräfte diese Welt regieren. Und wohin sie uns führen.
Wenn das Männliche ohne sein weibliches Gegengewicht herrscht, zerstören wir uns selbst. Wir fangen sinnlose Kriege an. Wir akzeptieren Ungerechtigkeiten als Preis des Fortschritts, wir beuten die Erde aus. wir bauen Systeme, die auf Konkurrenz statt auf Kooperation basieren. Wenn ich „Wir“ schreibe, dann meine ich das „kollektive Wir“ der patriarchalen Gesellschaft.
Wo machen wir mit?
Dabei stellt sich die Frage: Wobei machen „Wir“ alle mit? Wo spielen wir Frauen mit, wo fördern und unterstützen wir männliche Macht, indem wir uns klein machen, wegschauen, dumm stellen. Wogegen wehren wir uns nicht – natürlich oft aus Angst vor männlicher Gewalt, aber vielleicht auch aus Bequemlichkeit, Resignation oder Ignoranz.
Und da kommt jetzt der „Internationale feministische Kampftag“ ins Spiel:
Vor 115 Jahren sind Frauen laut und sichtbar geworden, um nicht mehr Teil dieses „kollektiven Wir“ zu sein. In Wien etwa marschierten im März 1911 20.000 Frauen über die Ringstraße zum Rathaus; gleichzeitig versammelten sich die Frauen an vielen weiteren Orten der Monarchie. Ihre wichtigste Forderung war von Anfang an – neben praktischen Fragen wie Mutterschutz, Sozialversicherung und Arbeitnehmerinnenschutz – die Einführung des Frauenwahlrechts. Vieles konnte erreicht werden, noch mehr – und das ist das Erschreckende – ist von den Forderungen von damals immer noch nicht erfüllt.
Erschreckende Zahlen
Schauen wir uns die Zahlen an. Von rund 195 Ländern dieser Erde werden gerade einmal 25 von einer Frau regiert. Beim aktuellen Tempo wird es noch 130 Jahre dauern, bis wir annähernde Gleichheit in den höchsten politischen Ämtern erreichen.
Rund 90 Prozent aller Milliardäre sind Männer. Von den 100 reichsten Menschen der Erde sind 85 Männer. Die 15 Frauen auf dieser Liste besitzen zusammen 587 Milliarden Dollar – die 85 Männer teilen sich über vier Billionen. In Europa und Nordamerika gehören Frauen rund 40 Prozent des Vermögens. In Afrika und Indien nur 20 Prozent. Frauen leisten 76 Prozent der unbezahlten Sorgearbeit weltweit. Rechnet man unbezahlte Arbeit ein, verdienen Frauen global nur 32 Prozent dessen, was Männer verdienen.
Die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede (Gender Pay Gap) werden, wenn es beim aktuellen Tempo bleibt, erst in 257 Jahren ausgeglichen sein.
Krieg gegen Frauen
Die Welt „brennt“. Das habe ich am Anfang dieses Blogbeitrages geschrieben.
Und jetzt – am Weltfrauentag 2026 – stelle ich daher die Frage:
Wie geht es euch Frauen da draußen – in der Ukraine, in Israel, in Palästina, im Gaza-Streifen, in Afghanistan, in Syrien, in Pakistan, im Jemen, in Kolumbien, im Iran …
Weltweit leben 600 Millionen Frauen in einem Umkreis von 50 Kilometern zu einer Konfliktzone – mehr als doppelt so viele wie in den 1990er-Jahren.
Mehr als 257 Millionen Frauen leben in Ländern, aus denen Berichte über sexuelle Gewalt in Konflikten vorliegen.
Doch Krieg gegen Frauen gibt es überall – weltweit. Fast jede dritte Frau weltweit erfährt im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt. Dies umfasst Femizide, Genitalverstümmelung und Menschenhandel. Aber auch das ganz „normale“ Geschehen, das sich in den vier Wänden abspielt und unter „häuslicher Gewalt“ zusammengefasst wird.
Im Jahr 2024 wurden in der polizeilichen Kriminalstatistik Deutschlands 53.451 weibliche Opfer von Sexualdelikten erfasst (+2,1 %, 2023: 52.330). Knapp die Hälfte war zum Tatzeitpunkt minderjährig. 2024 wurden in Deutschland 308 Mädchen und Frauen getötet. In Österreich waren es 2025 15 mutmaßliche Femizide und 34 Mordversuche an Frauen.
Es geht um tiefgreifende strukturelle Phänomene:
Um asymmetrische Machtstrukturen, männliche Besitzansprüche, patriarchal geprägte Denkmuster, tradierte Rollenbilder, um toxische Männlichkeit, die von den „Mächtigen“ dieser Welt in perversester Weise vorgelebt wird und sich durch alle Gesellschaftschichten zieht …
Wir erleben zur Zeit einen gefährlichen Backlash. Dieser richtet sich gegen alles, was nach Gleichberechtigung riecht. Die Regressionen spüren wir überall auf der Welt – der Aufstieg autoritärer Männer, die Einschränkung von Frauenrechten, die brutale Rückkehr toxischer Männlichkeitsideale in den sozialen Medien, das Zurückfallen in alte, schon längst überholt geglaubte Rollenmuster.
Seit mehr als hundert Jahren machen Frauen am 8. März weltweit auf Ungleichheit, Diskriminierung und Gewalt aufmerksam und fordern gleiche Rechte und gleiche Chancen.
„Rights. Justice. Action. For All Women And Girls.“ – unter diesem Motto steht der Internationale Frauentag am 8. März 2026.
Der Leitsatz macht klar: Es geht nicht nur um schöne Worte, sondern um einklagbare Rechte, wirksame Gerechtigkeit und konkrete Schritte, die das Leben von Frauen und Mädchen weltweit verbessern.
Es gibt noch viel zu tun, Schwestern!!!
Geben wir uns nicht dem Frust hin, nicht der Resignation, nicht der Angst. Stehen wir auf. Muten wir uns zu. Erheben wir unsere Stimmen!
Es gibt noch viel zu denken, zu ändern, zu verstehen, Brüder!!!
Gehen wir gemeinsam!